Presseschau vom 17.03.2021

Die Presseschau ist diese Woche ungewöhnlich umfangreich: Entschädigung für Ausstieg aus der Kernenergie in Deutschland, der Jahrestag der Katastrophe von Fukushima, Diskussionen um die Zukunft der Kernkraft, gleich mehrere Features zum Rückbau, ein Blick nach Tschechien und Wanderfalken in Gundremmingen sind die Themen der Auswahl.

Der beschleunigte Ausstieg aus der Kernenergie nach der Atomkatastrophe von Fukushima führt nun zu einer Entschädigung für die deutschen Betreiber von Kernkraftwerken: Versorger, die ihre älteren Kernkraftwerke nach der Katastrophe vorzeitig abschalten mussten, erhalten insgesamt rund 2,4 Milliarden Euro an Ausgleichszahlungen. Das teilten das Bundeswirtschafts-, Umwelt- und Finanzministerium laut SPIEGEL mit. Vor der Fukushima-Katastrophe hatte die Bundesregierung eine Verlängerung der KKW-Laufzeiten beschlossen. Nach den verheerenden Schäden am japanischen Kernkraftwerk waren die sieben ältesten Meiler sowie Vattenfalls Kernkraftwerk Krümmel dann kurzfristig vom Netz genommen worden, weshalb die Betreiber angemessene Entschädigungen forderten. Das Bundesverfassungsgericht hatte 2016 ebenfalls Entschädigungen dafür angemahnt. Die Bundesregierung legte zwischenzeitlich eine Gesetzesregelung vor, die aber 2020 vom Verfassungsgericht teils als unzureichend verworfen wurde. Nun sei eine Einigung erzielt worden, mit der bei verbindlichem Abschluss auch die laufenden juristischen Verfahren beendet würden:

SPIEGEL

Auch die Tagesschau beschäftigt sich mit der Thematik und schildert die positive Resonanz der Betreiber auf die erzielte Einigung. Demnach zeigte sich Vattenfall erleichtert, dass ihre Einigung den „kostspieligen“ und „zeitraubenden“ Auseinandersetzungen rund um den Atomausstieg nun ein Ende setzen könne. Vattenfalls Konzernchefin Anna Borg nannte den Kompromiss „letztlich akzeptabel“. Vattenfall hatte vor dem Schiedsgericht der Weltbank eine deutlich höhere Entschädigungssumme angestrebt. Die Eckpunkte der Einigung sollen nun in einem Vertrag verankert und dem Bundestag übermittelt werden. Die endgültige Regelung solle dann mit einem neuen Gesetz in Kraft treten. Nach Ministeriumsangaben solle dies möglichst noch in diesem Jahr geschehen:

TAGESSCHAU

Die Geschehnisse in Fukushima 2011 erlebte der heutige technische Direktor des Betreibers Vattenfall und damals designierte Kraftwerksdirektor des KKW Krümmel Ingo Neuhaus ein Jahr nach seinem Umzug an die Elbe. In einem Beitrag des Hamburger Abendblatts schildert er den Tag der Katastrophe und seine persönlichen Erfahrungen in Krümmel. Inzwischen ist er als technischer Direktor für den Abbau von Brunsbüttel und Krümmel zuständig. Von rund 330 Vattenfall-Mitarbeitern, die vor zehn Jahren im KKK arbeiteten, seien heute noch knapp 200 übrig geblieben. Auch in der Nachbetriebsphase sei eine kontinuierliche Überwachung der Betriebssysteme erforderlich. Neuhaus könne „verstehen, dass Atomenergie politisch und gesellschaftlich seit Fukushima in Frage gestellt“ werde. Er halte Kernenergie aber immer noch für eine sinnvolle Option bei der Energiewende, so das Abendblatt:

HAMBURGER ABENDBLATT (Bezahlinhalt)

Mit den Gedanken zu einer Renaissance der Kernkraft beschäftigt sich der Sender n-tv. Der Weltklimarat etwa wolle die CO2-arme Atomenergie nutzen, um den Kampf gegen den Klimawandel voranzubringen; Fridays-For-Future-Initiatorin Greta Thunberg äußerte, Kernenergie könne „ein kleiner Teil einer sehr großen neuen kohlenstofffreien Energielösung“ sein und löste damit einen Protest unter den Aktivisten aus. Auf dem Weg zur Klimaneutralität investiere US-Präsident Joe Biden in die Entwicklung neuer Kernenergie. Der Bundesfachausschuss für Wirtschaft, Arbeitsplätze und Steuern der CDU setzte sich schon Anfang 2020 dafür ein, Kernenergie „als mögliche Variante für eine CO2-freie Energieproduktion“ zu prüfen, wie ein Positionspapier zeige. Auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer äußerte laut n-tv, man müsse die Kompetenz für Atomenergie behalten. Auf europäischer Ebene sehe das sogenannte „Clean Energy Package“ der Europäischen Kommission Laufzeitverlängerungen vor, sowie den Neubau von zahlreichen Atomkraftwerken bis 2050. Demgegenüber ständen aber neben Sicherheits- vor allem wirtschaftliche Bedenken, zitiert der Sender Experten. Ein wirtschaftlich sinnvoller Betrieb von KKW sei zukünftig nach deren Auffassung nicht denkbar:

N-TV

Staaten wie China, Indien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Südkorea oder Brasilien bauen aktuell neue Kernkraftwerke, aber auch alte Atommächte wie die Vereinigten Staaten, Russland, Großbritannien und Frankreich. In Europa solle es neue Anlagen in der Ukraine, in Weißrussland, Finnland und der Slowakei geben. Die Türkei und Bangladesch stiegen sogar ganz frisch in die Nukleartechnik ein. Selbst Japan, so die FAZ, errichte zwei neue Anlagen. Die deutsche Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) hält diese Anstrengung laut FAZ jedoch für einen Irrweg und möchte dagegen auch außerhalb Deutschlands angehen. In Deutschland sei es dafür auch nötig, die „Atomfabriken“ von Lingen und Gronau zu schließen, die Brennelemente für das Ausland herstellen. Dazu führte sie aus, die Produktion dort sei mit dem Atomausstieg nicht vereinbar, weshalb die Schließung der Fabriken in der nächsten Legislaturperiode erfolgen müsse. Einem ministeriellen Gutachten zufolge sei das rechtssicher und mit entsprechenden Entschädigungszahlungen möglich. Nötig sei ein Gesetz zur Beendigung der Brennelemente-Fabrikation und des Betriebs von Urananreicherungsanlagen – ein solches habe aber bislang keine parlamentarische Mehrheit gefunden:

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG

Die Tagesschau berichtet über Aktivitäten am Energiestandort Fukushima, die alternativ zur Kernenergie erfolgen: Das Fukushima Hydrogen Energy Research Field, kurz FH2R, liegt in dem kleinen Ort Namie unweit des havarierten Kernkraftwerks. Auf einer Fläche von 22 Hektar werde dort zur Wasserstoffproduktion geforscht. Fünf Unternehmen haben sich unter dem Dach der staatlichen Organisation für Forschungs- und Entwicklungsprojekte, kurz NEDO, zusammengeschlossen. Das Forschungszentrum wurde demnach erst im März 2020 eröffnet und passe zu den japanischen Klimazielen, bis 2050 aus der Kohlekraft auszusteigen und neben Kernkraft auch verstärkt auf Wasserstoff zu setzen. Für letztere Energieform wolle die japanische Regierung, die parallel an der Kernkraft festhält, bis zu 2030 knapp 16 Milliarden Euro bereitstellen:

TAGESSCHAU

Das Niedersächsische Ministerium für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz als zuständige atomrechtliche Aufsichts- und Genehmigungsbehörde wurde von der Betreiberin des Kernkraftwerks Unterweser (KKU) fristgerecht über ein Ereignis gemäß Atomrechtlicher Sicherheitsbeauftragten- und Meldeverordnung informiert. Im Rahmen einer wiederkehrenden Prüfung hatte eine Brandschutzklappe nicht geschlossen. Die Funktionsfähigkeit wurde kurzfristig über die so genannte Schmelzlotauslösung wiederhergestellt. Das Ereignis wurde unterhalb der siebenstufigen internationalen Skala zur sicherheitstechnischen Bewertung von Vorkommnissen in Kernkraftwerken eingestuft und hatte somit keine sicherheitsrelevanten Auswirkungen, teilte das Ministerium mit:

NIEDERSÄCHSISCHES MINISTERIUM FÜR UMWELT, ENERGIE, BAUEN UND KLIMASCHUTZ

Der Kernkraftstandort Dukovany in Tschechien darf um zwei weitere Reaktoren erweitert werden. Das teilt der Betreiber České Energetické Závody (ČEZ) laut des Branchendiensts Heise mit. Die staatliche Nuklearaufsicht habe die Pläne für die Druckwasserreaktoren mit einer Leistung von jeweils 1200 MW genehmigt. Das bisherige Kernkraftwerk Dukovany liegt 30 km von Österreich entfernt, bis Wien sind es rund 100 km und bis Passau 250 km. Es besteht aus vier Reaktoren der sowjetischen Bauart WWER 440/W-213 mit je 500 MW Leistung. Sie gingen zwischen 1985 und 1987 ans Netz. Die nun geplanten Blöcke sollen die alten schrittweise ersetzen:

HEISE ONLINE

In einem Radiofeature schildert der SWR in seinem Wissenskanal, wie Kernkraftwerke nach ihrer Stilllegung rückgebaut werden. Auf Frage des Senders erklärt ein Fachingenieur, wie der Rückbauprozess läuft:

SWR

Auch der SRF beschäftigt sich in einem ausführlichen Beitrag, der auch ein 3D-Video umfasst, mit dem Rückbau von Kernkraftwerken am Beispiel des KKW Mühleberg:

SRF

Auch ein norddeutsches Medium beschäftigt sich umfassend mit dem Thema Rückbau: Buten und Binnen von Radio Bremen widmet sich dem Rückbau des KKW Unterweser, auch hier mit einem Videobeitrag und mit dem besonderen Schwerpunkt auf die frage der Handhabung der beim Rückbau anfallenden Abfälle:

BUTEN UN BINNEN

Mit dem beim Rückbau des KKW Isar 1 anfallenden Abfälle beschäftigt sich der BR. Besonders viel Zeit nehme beim Rückbau das Recycling der Bauteile in Anspruch. Eines der Ziele beim Rückbau sei, die Menge der radioaktiven Abfälle, die endgelagert werden müssen, so gering wie möglich zu halten. Es solle so viel Material wie möglich wiederverwendet werden können, zum Beispiel als recyceltes Altmetall:

BR

Die Betreiber des Kernkraftwerks Gundremmingen haben in 40 Meter Höhe an den Kühltürmen des Werks zwei Nistkästen montieren lassen. Dort nisten zurzeit Wanderfalken, nicht zuletzt deshalb, weil sie dort besonders sicher sind. Mit etwas Glück, so der BR, schlüpfen in ein paar Wochen Junge:

BR